Velimir Ilisevic – Das Werk als Heimat

Die Welt, aus der Velimir Ilišević stammt, ist verschwunden. Er verließ sie 1989 Richtung Schweiz, wo er noch heute lebt, mit einem Pass der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. Er kam ein, zwei Jahrzehnte nach der Welle jugoslawischer Gastarbeiter, die sich im Westen Europas auf Baustellen, bei der Kanalreinigung und an Hochöfen, in Bergwerken und Hotels, als Wirte und Kellnerinnen verdingten, denen Marschall Tito Pässe zugestand und Reisefreiheit gewährte, auf dass sie dort Arbeit suchten, wo es Arbeit gab.

1989 ging man nicht mehr aus ökonomischen Gründen, eher aus Abenteuerlust und Neugier, aus dem Wunsch heraus, andere Länder kennenzulernen und ein wenig auch, weil der nächste Krieg in der Luft lag. Jugoslawien hatte gerade eine große Wirtschaftskrise mit Hyperinflation und Engpässen bei der Versorgung mit Konsumgütern überstanden, die kurz nach Titos Tod begonnen hatte und bis 1988 dauerte. Da kam Ante Marković, ein Manager westlichen Typs mit westlichen Einstellungen, an die Regierung, kehrte die ökonomischen Trends um und gab den Bürgern ihren Optimismus zurück. Die Gehälter stiegen, die Zahl der Arbeitslosen sank, die sozialistische Planwirtschaft wurde schrittweise zugunsten der kapitalistischen Marktwirtschaft aufgegeben, der Prozess der Privatisierung angestoßen …

Zeitgleich jedoch erstarkte in Serbien – einer von sechs jugoslawischen Republiken – Slobodan Miloševićs autoritäres Regime, das zwei eigentlich unvereinbare Trümpfe ausspielte: Er beharrte auf der kommunistischen Doktrin und fütterte den serbischen Nationalismus. Sein Volk und dann auch die anderen Völker Jugoslawiens – Kroaten, Slowenen, Bosnier, Mazedonen und Kosovo-Albaner – lockte er mit der teuflischen Verheißung eines Blutrauschs nationaler, nationalistischer Selbstverwirklichung.

Als Velimir Ilišević Jugoslawien verließ, standen dessen Staatsbürger vor der Wahl, besser und in größerem Wohlstand zu leben – für diese Option stand Premier Ante Marković – oder für ethnische Unabhängigkeit zu kämpfen und sich von Jugoslawien abzuspalten. Die erste Wahl bedeutete Frieden, die zweite Krieg. Die Mehrheit wählte das, was historisch betrachtet noch jeder wählte, der vor einem solchen Dilemma stand: Zwischen gutem Leben und blutiger Illusion fiel die Entscheidung bisher immer für die blutige Illusion. Auch in Jugoslawien.

Das Land, das Velimir Ilišević kannte, hat der Krieg versenkt. Er ist 1965 in Sisak geboren, das liegt in Kroatien, hatte aber bis 1992 kroatische, serbische und bosnische Einwohner. Das keine hundert Kilometer entfernte Prijedor, wo er aufwuchs, liegt in Bosnien und war bis zum Krieg von Bosniaken (Muslimen), Serben und Kroaten bewohnt. Sisak verlor im Krieg seine serbischen Einwohner, aus Prijedor verschwanden Bosniaken und Kroaten. Überall und vor allem in den Herzen der Menschen haben Kriegsverbrechen, ethnische Säuberungen und Nationalismus Spuren hinterlassen, wobei sich der Nationalismus der heute in Sisak und Prijedor Lebenden vornehmlich darin zeigt, dass sie Kriegsverbrechen an den einstigen Nachbarn rundweg leugnen. Als hätte es die nie gegeben.

Das Land, das Velimir Ilišević zurückließ, hat sein Aussehen verändert. Statt der alten wehen neue Fahnen im Wind, Wappen und Landeshymne wurden ausgetauscht. Viel tiefgreifender jedoch ist die innere Wandlung der Gesellschaft und jedes einzelnen Mitglieds dieser Gesellschaft. Der, der gegangen ist, teilt mit ihnen weder Heimat noch Vaterland noch Erinnerungen an gemeinsam durchlebte Jahre. In Revolutionen und nationalistischen Revolten – und der Zerfall Jugoslawiens wird von Revolution und nationalistischer Revolte charakterisiert – ändern sich nicht nur Gegenwart und Zukunft, sondern auch und zuerst die Vergangenheit, sie wird umgeschrieben, gesellschaftliches und familiäres Gedächtnis werden revidiert, Phantomerinnerungen an die Stelle des tatsächlich Erlebten gesetzt. Und dann geht das Leben weiter.

Einer aus Burkina Faso, der noch nie in Sisak und Prijedor war, ja, noch nicht einmal davon gehört hat, ist Velimir Ilišević heute näher als Menschen aus seiner alten Heimat. Was sie verbinden sollte, Sprache, Kultur, Erinnerungen, trennt sie voneinander. Ein interessantes Phänomen, das allerdings keinen interessiert. Das Phänomen von in Jugoslawien geborenen Menschen, die vor oder während des Krieges in den Westen zogen. Sie haben ein Herkunftsland im Gepäck, das in Raum und Zeit nicht mehr existiert, sind Bürger von Atlantis, dem im Meer versunkenen mythischen Land, an das sich außer ihnen niemand erinnert.

So viele Worte braucht es also, nur um zu sagen, woher der Maler kommt …

Iliševićs bildnerische Welt steht dem Informel nahe. Formen, Figuren und Landschaften lösen sich auf, verschwinden in Farbspuren, die Konturen sind nicht definiert, sie zerlaufen, zerfallen, zerfließen … Gelegentlich taucht ein Ding auf, etwas Ganzes, das man wiedererkennt, es scheint aus einem verwüsteten Gedächtnis zu ragen, aus einem Schlachtfeld der Alzheimerkrankheit, die die Welt erwischt hat, Menschen, aber auch Bibliotheken, Galerien, Archive …

So sieht das der Betrachter, der hier spricht, der mit dem Maler das Gefühl von Fremdheit und Fremdsein teilt. Die heitere Verwüstung hat etwas von der Unmittelbarkeit einer Kinderzeichnung, von deren Infantilität, die keiner kopieren oder imitieren kann. Aus der Kindlichkeit, die gelegentlich in Iliševićs Bildern aufblitzt, erwächst das, was über den Kalender des Lebens hinausweist: Symbole, Zeichen, archaische Szenen. Von Iliševićs kindisch-kindlich gezeichneten Blumen, Schlitten oder Bäumen zu mythischen Zeichen derselben Blumen, Schlitten oder Bäume ist es kaum ein halber Menschenschritt. Kindheit und Ewigkeit sind in seiner Welt eins.

Velimir Ilišević malt ausgesprochen dekorative Bilder. In anderen Fällen wäre das kein Lob, ganz im Gegenteil. Aber das Dekorative dieser Bilder ist nicht gewollt, ist nicht Berechnung oder Programm. Es entspringt dem Charakter des Künstlers und ein wenig auch der Tradition, in der er steht. Frei nach T. S. Eliot hat er sich seine Tradition bewusst ausgesucht, tritt kein Erbe an und in niemands Fußstapfen. Und auch den Lebensweg suchte sich der Maler selbst aus: Er ging und kehrte nicht zurück. Und dann verschwand die Welt, in die er hätte zurückkehren können. Diese Welt, dieser Planet, eine ganze Zivilisation sind in seinem Kopf und auf seiner Leinwand, dort liegt Iliševićs wahre Heimat. Eine andere hat er nicht. Persönlich ist das sicher kein leichtes Los, künstlerisch jedoch ideal. Das Werk als Heimat.

Miljenko Jergović

Text übersetzt von Brigitte Döbert