Velimir Ilisevic – Malerei der Anwesenheit

Es gibt Sprache, es gibt Kunst, weil es «das Andere» gibt. (George Steiner)

Der 1965 in Sisak (ehemals Jugoslawien) geborene und seit 1989 in Stein am Rhein lebende Schweizer Künstler Velimir Ilisevic ist ein Maler im klassischen Gattungssinn, der sowohl auf Leinwand als auch auf Papier arbeitet. Seine Bilder lassen schon bei der ersten Begegnung eine vitale, auf Begabung und Erfahrung sowie auf Sensibilität und Unmittelbarkeit beruhende Malkultur erkennen. Ilisevic versteht Malerei als ein primär auf die Sinne zielendes Ausdrucksmedium, das den spezifischen Qualitäten der Farbe, ihrem stofflichen und ästhetischen Eigenwert, grösstmögliche Freiheit gewährt. Doch bleibt sie stets dem Gegenständlichen verpflichtet, denn Farbe ist für Ilisevic kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zur Veranschaulichung, zur Vergegenwärtigung von Gesehenem, Erlebtem und Erinnertem in der realen Welt.

Erkennt man im malerischen Duktus, im freizügigen Umgang Ilisevics mit Pinsel oder Spachtel die Wertschätzung (nicht Nachahmung!) von Künstlergrössen wie Phil Guston oder Georg Baselitz, so ist der Bildinhalt ganz das Resultat seiner persönlichen Wahrnehmung äusserer und innerer Wirklichkeiten; von Landschaften beispielsweise, aus denen sich einzelne Erscheinungen wie Flüsse, Brücken oder Bäume herauslösen, die zeichenhaft für Trennung, Verbindung oder Verwurzelung stehen; von Objekten wie Häuser, Boote, Schlitten, Bügeleisen, Trichter, Stühle oder Schuhe, die stellvertretend auf menschliche Tätigkeiten und Daseinsformen verweisen; von Tieren wie Vögel, Hunde, Katzen und Fische, die mit dem Menschen einen Lebensraum teilen, ihm vertraut und doch so fremd sind. Was immer der Betrachter sieht, er ist mit greifbaren Gegenständen, unbelebten und belebten, konfrontiert, die an die menschliche Erfahrung gebunden sind – an die täglich sich erneuernde Erfahrung der unmittelbaren Begegnung mit «dem Anderen» und der Tatsache, ja dem Wunder seiner Anwesenheit in der Welt. Aus dem Staunen vor der Gegenwart dessen, was man nicht selbst ist, entspringt seit Jahrtausenden Sprache und Kunst. Dieses «Andere» nun entzieht sich in den Bildern Ilisevics zwar gelegentlich der inhaltlichen Identifizierbarkeit, in ihrer Zusammenstellung bisweilen auch der Logik des Alltags, fordert aber dank seiner Bindung an die menschliche Erfahrung – obgleich der Mensch als «Anderer» in den Bildern gar nicht vorkommt (!) – zu sinngebender Deutung auf. Deutende Betrachtung kann jedoch selbst nur unter der Voraussetzung des Staunens vor «dem Anderen» gelingen; und auch nur dort, wo anerkannt wird, dass Gesehenes, Erlebtes und schliesslich Erinnertes sich mitunter, wie etwa im Traum, verselbständigen, verwandeln oder mit scheinbar Unpassendem verbinden können; und letztlich auch nur dort, wo Freude am Vexierspiel besteht und der Humor nicht allzu weit entfernt ist.

Unabhängig von allen inhaltlichen Deutungen, welche die Bildgegenstände zulassen oder nahelegen, sind sie dennoch nichts anderes als reine Gegenstände, deren ursprüngliche Formen dem Künstler Anlass zur Schaffung eines Bildes sind. Als Bildgegenstände haben sie ihren Wert in sich allein und sind auch dann noch gültig und wirksam, wenn eine Deutung nicht gelingt. Ja, sie fordern Deutung nicht einmal zwingend ein. Damit vollzieht Ilisevic einen bewussten Grenzgang zwischen inhaltlich gebundener und ästhetisch freier Malerei, zwischen dem Bild als Träger einer Botschaft und dem Bild als reinem Bild. Damit bezeugt er seinen hohen Respekt sowohl vor der Anwesenheit des realen Gegenstandes, als auch vor dessen autonomer Erscheinung im farbigen Gewand der Malerei. Deren Qualität, ihre stoffliche Substanz, entspricht selbst wiederum den materiellen Eigenschaften der Gegenstände und offenbart zugleich die unverwechselbare Sichtweise eines in und mit der Welt sinnlich und geistig kommunizierenden Individuums. Es ist diese, wie der Schriftsteller Botho Strauss in anderem Zusammenhang formulierte, «Ästhetik der Anwesenheit», eben derjenigen der Bildgegenstände wie der benutzten Malmittel, ja des Künstlers selbst, die Ilisevics Werke in so hohem Masse sehenswert macht. Diese dem Virtuellen und Flüchtigen, dem Substanzverlust entgegenwirkende Ästhetik der Anwesenheit hat heute gerade in der Malerei, wie Ilisevic sie versteht, und allen Anfechtungen ihrer traditionellen Ausdrucksformen zum Trotz, einen zuverlässigen «Bündnispartner». Dank ihr werden auch wir uns als Betrachter gerne der eigenen Gegenwart in der Welt und unserer Verbundenheit mit ihr bewusst.

Velimir Ilisevic malt häufig in Serien. Die Entfaltung eines Bildgedankens, einer Bildwirkung, wird somit erst in grosszügiger Räumlichkeit erkennbar. Ihre «filmische» Inszenierung verbindet sich sinnvoll mit Titeln wie beispielsweise «Flussentlang», einer Serie, in welcher der Künstler den sichtbaren Dingen an den Ufern sowie ihren Spiegelungen auf den Wassern des Rheins nachspürt, jener Landschaftsader, an der er seit langem lebt, an der er spazieren geht, die er auf Brücken überquert, in der er schwimmt und die ihn zu Erinnerungen, zum Vergleich auch mit dem bosnischen Fluss Sana anregt, an welchem er aufgewachsen ist. Immer schon waren Flüsse raum- und grenzübergreifende Orte der Lebens- und Welterfahrung. Ebenso konnten sie freilich Grenzen setzen oder willkürlich zu Grenzen erklärt werden. Hierfür gibt gerade der Rhein, in Geschichte und Gegenwart, ein anschauliches Beispiel. Im Unterschied zu dieser grossflächig mit Ölfarbe auf Leinwand inszenierten Bilderfolge besteht die Serie «Saint-Rémy» aus kleinformatigen, feinsinnig mit Feder und Tusche auf Papier gesetzten Zeichnungen, die an einen tragischen Abschnitt im Leben Vincent van Goghs erinnern. Sie sind eine mit einfühlsamer Hingabe geschaffene Hommage an einen ganz vom Wunder «der Anwesenheit des Anderen» überwältigten Maler der beginnenden und wesentlich durch ihn mitgeprägten Moderne.

Mag nun der Betrachter vor den Serien gleitenden Auges von Bild zu Bild geführt werden – jedes einzelne fordert doch ganz dessen konzentrierte Aufmerksamkeit und beansprucht Singularität, wie auch alle anderen, ausserhalb des Zusammenhangs einer Serie entstandenen Werke. Es ist die besondere Wiedergabe der Gegenstände, ihre verdichtete und eigenwillige Kombination, die den Blick immer wieder ungeteilt auf sich zieht; es ist die teppichgleiche, meist asymmetrisch ins Bild gesetzte Farbfläche, auf der die Gegenstände eine intensivierte Präsentation erfahren; es ist die Malerei, die kaum die ganze Leinwand ins Visier nimmt, sondern deren Ränder frei lässt, um ihr Gelegenheit zum Atmen zu geben; es ist, nicht zuletzt, das delikate Kolorit, das alles in Erscheinung Tretende verlebendigt und Velimir Ilisevic zum Maler im eigentlichen Sinne macht.

Uwe Wieczorek

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